Zusammenfassung
Die Eignung der natürlichen Radonkonzentration der Bodenluft als lndikator
für Bodenkontaminationen durch Non-Aqueous Phase-Liquids (NAPLS) wurde
untersucht. Als Arbeitsthese wurde eingangs postuliert, daß infolge der
sehr hohen Löslichkeit von Radon in NAPLs eine NAPL-Kontamination in der
grundwasserungesättigten Bodenzone aufgrund der Akkumulation des Radons in
der NAPL eine lokale Verringerung des Radongehalts der Bodenluft in der
Umgebung der Kontamination nach sich zieht und somit eine Detektion der
Kontamination ermöglicht. Ziel der Untersuchung war zum einen eine
theoretische und experimentelle Bestätigung der Arbeitsthese und zum
anderen die Entwicklung eines feldtauglichen Detektionsverfahrens für
NAPL-Kontaminationen, welches den Radongehalt der Bodenlulft als zentrale
Messgrösse hat. Dabei sollte das Verfahren bei geringerem technischen
Aufwand eine höhere Anzahl an Probenahmepunkten zulassen als
herkömmliche Untersuchungsmethoden. Zur umfassenden Bearbeitung dieser
Aufgabenstellung wurden (1) relevante Fragen zur Radonmigration theoretisch
behandelt sowie (2) Laborexperimente, (3) Experimente in definierten
Bodensäulen und (4) umfangreiche Felduntersuchungen durchgeführt.
Zur Bestimmung von Radon-Verteilungskoeffizienten zwischen verschiedenen
umweltrelevanten NAPL-Gemischen und Luft (K
NAPL/BL
) wurden Laborexperimente durchgeführt. Dazu wurden zwei
Experimentalanordnungen entworfen und eingesetzt. Für die Untersuchungen
wurden beispielhaft die NAPL-Gemische Benzin, Diesel und Petroleum
gewählt. Während für zahlreiche reine NAPLs entsprechende
Verteilungskoeffizienten vorliegen, sind für diese drei NAPL-Gemische
kaum experimentelle Daten publiziert.
Die Laborexperimente ergaben Radon-Verteilungskoeffizienten
K
NAPL/BL
zwischen
10 und 13. Die ermittelten Werte lagen in ihrer Höhe im Bereich von
bekannten Radon-Verteilungskoeffizienten ähnlicher NAPLs und entsprachen
somit den Erwartungen. Die für die drei NAPL-Gemische ermittelten
Radon-Verteilungskoeffizienten belegen die starke Affinität des Radons zu
den untersuchten NAPL-Gemischen.
Voraussetzung für eine Nutzung des natürlich in der Bodenluft
vorhandenen Radons zur Lokalisierung von NAPL-Kontaminationen des Untergrundes
ist die Signifikanz des NAPL-Einflußes auf den Radongehalt der
Bodenluft gegenüber dessen natürlichen Schwankungen. Natürliche
Schwankungen des Radongehalts der Bodenluft treten besonders in den oberen
Bodenhorizonten auf und haben den Einfluß verschiedener meteorologischer
Parameter zur Ursache. Zur Untersuchung sowohl der natürlichen
Einflußfaktoren als auch des Einflusses von NAPL-Kontaminationen auf die
Radonkonzentration der Bodenluft wurden grossmassstäbliche
Migtationsexperimente in definierten Bodensäulen durchgeführt.
Zur Durchfühung der Migmtionsexperimente wurde der, mittlerweile als
Patent angemeldete, Gasmigrationssimulator (GAMS) entwickelt. Der GAMS
ermöglicht die kontinuierliche Aufzeichnung der Radonkonzentration der
Bodenluft in einer definierten Bodensäule der Ausdehnung 1,0 m
2
x 1,7 m in 5 Sondenebenen (0 cm, 5 cm, 30 cm,
70 m und 140 cm), ohne dabei die Bodengasmigration maßgeblich zu
beeinflussen. Parallel dazu ist die kontinuierliche Aufzeichnung der Temperatur
und der Bodenfeuchte in den einzelnen Sondenebenen möglich. Die
Zeitreihen der einzelnen Meßgrössen können im Stunden- oder
10-Minutentakt registriert werden. Der GAMS erlaubt aufgrund seiner
Abmaße die Bestimmung von Messwerten, die in ihrer Qualität denen
von in- situ-Messdaten entsprechen. Gleichzeitig können aber, vergleichbar
mit Laborbedingungen, sämtliche die Messergebnisse beeinflussenden
Parameter definiert vorgegeben bzw. sehr genau bestimmt werden. Der GAMS
ermöglicht damit einerseits laborähnliche Messbedingungen und
schließt andererseits die im Labormasstab unvermeidlichen Randeffekte
weitestgehend aus. Für die Untersuchungen wurden insgesamt vier GAMS
eingesetzt, welche mit definierten Bodensäulen bestückt wurden. Als
Mineralmatrix kam hierbei ein radiumarmer Mittelsand zum Einsatz, dem homogen
Uran-Tailings des gleichen Kornspektrums untergemischt wurden. Zur
kontinuierlichen Aufzeichnung der Aussentemperatur, der Windgeschwindigkeit und
des Luftdrucks, als relevante meteorologische Einflussgrößen, wurde
in unmittelbarer Nachbarschaft zur Messtation eine mobile Wetterstation
betrieben.
Die an den GAMS durchgeführten Experimente zum Einfluß
meteorologischer Parameter auf das Radontiefenprofil ergaben tageszyklische
Schwankungen des Radongehalts der Bodenluft am Interface Boden /
Atmosphäre und in sehr geringen Bodentiefen (5 cm). In tieferen
Bodenschichten (
>
30 cm) wurde ein solches tageszyklisches Verhalten nicht mehr registriert.
Die in 5 cm Tiefe registrierte Zeitreihe der Radonkonzentration zeichnete sich
durch hohe Werte in den Nacht- und frühen Morgenstunden aus, während
sie am späten Abend ein deutliches Minimum durchlief . Es konnte
gezeigt werden, daß dieser Tagesgang des Radongehalts der Bodenluft
für geringe Bodentiefen typisch ist und in erster Linie den sich
tageszyklisch umkehrenden Temperaturgradienten im Oberboden zur Ursache hat.
Der beobachtete Tagesgang des Radongehalts der Bodenluft am Interface Boden /
Atmosphäre zeigte tagsüber geringe und nachts erhöhte
Radonkonzentrationen. Es konnte gezeigt werden, daß dieser Radontagesgang
für die Bodenluft am Interface Boden / Atmosphäre typisch ist und in
einem Wechselspiel zwischen der tageszyklisch schwankenden Exhalationsrate des
Bodens und der ebenfalls tageszyklisch wechselnden bodennahen
Windgeschwindigkeit begründet liegt. Dabei ist die Windgeschwindigkeit die
dominierende Einflußgröße.
Ein signifikantes Einfluß des Luftdrucks konnte nicht als Ursache des
beobachteten Tagesganges der Radonkonzentration im Oberboden festgestellt
werden. Ebensowenig waren die durch Taufall und Verdunstung bedingten
tageszyklischen Schwankungen der Bodenfeuchte im Oberboden für die
Radonkonzentration von Bedeutung.
Neben den Einflüssen tageszyklisch veränderlicher meteorologischer
Parameter wurde die Auswirkung von Niederschlägen auf den Radongehalt
der Bodenluft untersucht. Dabei konnte ein deutlicher Einfluß von
Niederschlagsereignissen nachgewiesen worden. Aufgrund der Blockierung der
Bodenporen durch das Niederschlagswasser im Oberboden, kommt es unmittelbar
nach dem Einsetzen eines Niederschlags zu einem Radonstau und damit zu einem
Anstieg der Radonkenzentration in den Bodenschichten unterhalb des stark
durchfeuchteten Bodenhorizonts.
Zur Untersuchung des Einflusses von NAPL-Kontaminationen des Bodens auf den
Radongehalt der Bodenluft wurden zwei der GAMS mit einem definierten
NAPL-Volumen kontaminiert (20 l bzw. 25 l). Dabei wurde bei einem der Versuche
Benzin, als NAPL mit einem hohen Anteil an leichtflüchtigen Komponenten,
und bei dem zweiten Versuch Diesel, als NAPL mit einem geringen Anteil an
leichtflüchtigen Komponenten verwendet. Die Kontamination der
Bodenkörper erfolgte homogen in einer Tiefe unterhalb 120 cm.
Bei beiden Expehmenten wurde ein erheblicher Rückgang der
Radonkonzentration der Bodenluft innerhalb des kontaminierten Bodenvolumens
beobachtet. Gleichzeitig kam es auch in den Sonden ebenen oberhalb der
NAPL-Kontwnination zu einer signifikanten Verringerung der Radonkonzentration,
wobei der Konzentrationsrückgang hier mit zunehmendem Abstand vom
kontaminierten Bodenvolumen geringer wurde und in 5 cmTiefe kaum mehr zu
bemerken war. Der Rückgang der Radonkonzentration der Bodenluft in den
GAMS hat die Akkumulation eines Teils des im Porenraum vorhandenen Radons in
der jeweils infizierten NAPL zur Ursache. Durch die NAPL- Injektion kam es
sowohl zu einer Stagnation des Radonnachschubs aus der Tiefe als auch zu einer
Rückdiffusion von Radon aus dem unkontaminierten in den kontaminierten
Teil der Bodensäule.
Aufbauend auf den theoretischen Betrachtungen zur Radonmigration im Boden und
auf Grundlage der Ergebnisse der Labor- und Migrationsexperimente, wurde eine
Technologie zur Messung des Radongehalts der Bodenluft erarbeitet, welche
allen theoretischen und praktischen Anforderungen im Sinne der
Aufgabenstellung gerecht wird. Zur Überprüfung der Feldtauglichkeit
und der Effizienz dieser Messtechnologie wurden an drei exemplarisch
ausgewählten, real kontaminierten Standorten unterschiedlicher Ausdehnung
Radonkartierungen durchgeführt. Bei den untersuchten Standorten handelte
es sich um zwei stillgelegte Tankstellen und eine ebenfalls stillgelegte
Betankungsstation eines Flughafens. Die Standorte zeichneten sich durch
NAPL-Kontaminationen des Untergrundes aus, welche in ihrer Lage weitestgehend
bekannt waren.
Bei jedem der Standorte wurde die mit Hilfe der Radonkartierung lokalisierte
Ausdehnung der jeweiligen NAPL-Kontamination mit der im Vorfeld mit
herkömmlichen Mitteln festgestellten Lage der Kontamination verglichen. In
jedem der untersuchten Fälle konnte die Lage der NAPL- Kontamination des
Untergrundes durch signifikante Minima der Radonkonzentration der Boderiluft
lokalisiert werden. Im Falle der ehemaligen Betankungsstation des Flughafens
war sogar eine Präzisierung des bis dahin bekannten Schadensbildes
möglich. Durch die Feldversuche konnten somit die theoretischen
Überlegungen und die experimentellen Ergebnisse in situ bestätigt
werden. Gleichzeitig wurde gezeigt, daß die entwickelte
Meßtechnologie sowohl eine repräsentative als auch eine effiziente
Bodenlulftprobenahrne im Sinne der Aufgabenstellung ermöglicht.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß eine Lokalisierung von
NAPL-Kontaminationen der grundwasserungesättigten Bodenzone mit Hilfe der
Detektion von Anonialien des Radongehalts der Bodenluft möglich ist. Dabei
sind als NAPL-Indikator grundsätzlich Radonminima zu erwarten.
Gleichzeitig haben die Untersuchungen gezeigt, daß Radonkartierungen
nicht in jedem Falle zur Detektion von NAPL-Kontaininationen geeignet sind. Das
eingeschränkte Nutzungspotential der Methode ergibt sich aus den vier im
folgenden aufgezählten Punkten.
(1) Eine Aussage darüber, welche konkrete NAPL als Kontaminant im
Untergrund vorliegt, kann nicht gemacht werden. (2) Die begrenzte
Diffusionslänge des Radons im Boden limitiert die Tiefe detektierbarer
NAPL-Kontaminationen. (3) Eine sehr uneinheitliche geologische Situation
erschwert die Interpretation der Meßdaten. (4) Eine Detektion von
NAPL-Kontaininationen unterhalb des Grundwasserspiegels ist nicht möglich.
Neben der in dieser Arbeit beschriebenen Nutzung von Radon-Kurzzeitmessungen
zur Lokalisierung von NAPL-Kontaminationen des Untergrundes können
Radonmessungen prinzipiell auch zum Monitoring von aktiven
Sanierungsmassnahrnen herangezogen werden. Dazu bieten sich zeitintegrierende
Radon-Langzeitmessungen mit Hilfe von Festkörperspurdetektoren an.